Hallo und Herzlich Willkommen zur Leseprobe !
Kia ora, willkommen auf der anderen Seite der Welt.
Schön, dass du hier bist. Diese Leseprobe ist eine Einladung an dich, mit mir ein kleines Stück zurück nach Neuseeland zu reisen.
Ein Jahr lang war Neuseeland mein Zuhause. Mehrere Monate davon verbrachte ich auf einer abgelegenen Wildpferdefarm, wo ich mit Pferden arbeiten durfte, die zuvor kaum oder gar keinen Kontakt zu Menschen hatten. Ich lernte das ursprüngliche Farm Leben kennen, begegnete der Maori-Kultur und durfte Erfahrungen sammeln, die meinen Blick auf Pferde, ihre Natur und unsere Zusammenarbeit nachhaltig geprägt haben.
Es war eine Zeit voller Abenteuer, Begegnungen und Herausforderungen. Eine Zeit, in der vieles anders kam als erwartet und in der ich nicht nur unglaublich viel über Pferde, sondern auch über mich selbst gelernt habe.
Aus all diesen Erlebnissen ist mein erstes eigenes Buch entstanden. Eine sehr persönliche Reisegeschichte. Ich nimm dich ein Stück mit, in eine Welt, die für mich so unglaublich faszinierend, ursprünglich und prägend war. Es geht um Wildpferde, das Leben auf einer neuseeländischen Farm, besondere Menschen und um all die kleinen und großen Erkenntnisse, die mir auf diesem Weg begegnet sind.
In meinem Buch, das Ende des Jahres rauskommen wird, erwarten dich über 20 Kapitel voller Geschichten, Erlebnisse und persönlicher Einblicke. Und heute freue ich mich ganz besonders, dir mit dieser Leseprobe schon einmal die Tür zu dieser Welt öffnen zu dürfen.
Mache es dir gemütlich und tauche ein in meine Erinnerungen an Neuseeland, East Coast, Tolaga Bay, 2011/12.
Vielleicht entdeckst du beim Lesen neue Perspektiven auf Pferde, fühlst dich ein wenig ans andere Ende der Welt versetzt oder bekommst einfach Lust, noch ein bisschen länger in der Geschichte zu bleiben.
Ich wünsche dir ganz viel Freude beim Lesen und freue mich, wenn du mich und meine Erlebnisse auf diese Weise ein kleines Stück begleitest.
Von Herzen,
Janina.
Wenn alte Muster ihre Macht verlieren
Der Reset im Pferdetraining
Ich hatte mittlerweile ein paar aufregende Wochen auf der Wildpferdefarm von Nick Deighton verbracht. Als er mir eines Tages, ein besonders schönes Pferd Namens „Royal“ zeigte. Eine 4 Jährige Stute, die bereits leider schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hatte.
Das Vertrauen wurde bereits gebrochen, als ein betrunkener Maori auf ihren Rücken aufstieg und wild und unbeholfen umher fuchtelte. Seit diesem Vorfall ließ sie keinen mehr aufsteigen.
Kaja, einer der Maori Jungs, hatte bereits versucht Royal zu reiten und war mehrere Male von ihr runter geflogen. Ich sah es mit meinen eigenen Augen, buckeln konnte sie verdammt gut. Sie wollte einfach keinen Menschen mehr auf ihren Rücken lassen.
Ich merkte schnell, dass wir nicht einfach erwarten konnten, dass sie uns wieder vertraut, nur weil wir selbst gute Absichten hatten.
Unser Job war es, dieses Vertrauen wieder aufzubauen. Nicht mit Druck und auch nicht mit dem Versuch, Royal möglichst schnell wieder „reitbar“ zu machen. Wir begannen mit Übungen in der Bodenarbeit und Freiarbeit im Roundpen, um das Vertrauen wieder aufzubauen.
Sie machte es uns zunächst leicht, die Kommunikation und ihre Grundenergie waren super. Royal war aufmerksam, neugierig und suchte den Kontakt. Gleichzeitig war deutlich zu spüren, dass irgendwo in ihr eine Grenze lag. Das Problem war nicht der Kontakt mit dem Menschen an sich. Sie wollte einfach Keinen mehr auf ihren Rücken lassen. Sie hatte wahrscheinlich ein Trauma erlitten.
Ein Pferd vergisst ein Trauma nicht einfach, nur weil Zeit vergeht. Der Körper und das Nervensystem können sich erinnern, lange nachdem der eigentliche Moment vorbei ist. Ein bestimmter Druck, eine Bewegung, ein Geräusch oder eine Situation kann ausreichen, um das alte Gefühl wieder hervorzuholen.
Plötzlich reagiert das Pferd nicht mehr auf das, was gerade passiert – sondern auf das, was es einmal erlebt hat.
Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit.
„Der Reset im Pferdetraining“.
Es ging nicht darum, ein unerwünschtes Verhalten zu unterdrücken oder das Pferd dazu zu bringen, „funktionieren“ zu müssen. Es ging darum, dem Pferd neue Erfahrungen zu ermöglichen. Erfahrungen, die das bisherige inneres Bild korrigieren.
Dabei beobachtete ich nicht nur, Was das Pferd tut, sondern vor allem, Wann sie begannt zu reagieren.
Wie verändert sich die Atmung? Wird der Hals fest? Verändert sich die Spannung im Körper? Hört es auf zu kauen, wird der Blick starr oder wandert plötzlich nach außen?
Es waren nicht die großen Reaktionen, die mir zeigten, dass ein altes Muster in ihr gerade wieder anspringt. Es waren die kleinen Signale die sie zeigte.
Ich versuchte ihr aufmerksam zuzuhören und sie zu lesen.
Sobald ihr Stresslevel rauf ging, ging ich nicht drüber hinweg. Ich nahm den Druck raus, veränderte die Situation, gab ihr Zeit und wartete auf den Moment, in dem sie wieder in die Entspannung finden konnte.
Denn genau dort entsteht etwas Entscheidendes:
Eine neue Verknüpfung.
Es waren nicht die großen Reaktionen, die mir zeigten, dass ein altes Muster in ihr gerade wieder anspringt. Es waren die kleinen Signale die sie zeigte.
Was früher vielleicht bedeutete: „Jetzt muss ich mich schützen“.
Durfte langsam zu etwas Neuem werden:
„Ich kann ruhig bleiben“
„Ich werde gehört“
„Ich darf mich orientieren“
Es passiert nichts, wovor ich mich schützen muss.
Das ist keine schnelle Korrektur und schon gar kein Trick. Es war ein Lernprozess, bei dem Royal Schritt für Schritt erlebte, dass eine Situation heute anders enden kann als damals.
Ich verbrachte Stunden damit, Royal kleinschrittig den Ablauf an der Aufstiegshilfe verständlich zu machen. So dass sie neues Vertrauen und Gelassenheit in der für sie so schwierigen Situation finden konnte. Royal war mittlerweile so weit, dass ich mich wieder über ihren Rücken lehnen durfte, doch ich wusste: Der entscheidende Moment würde erst kommen, wenn ich tatsächlich auf ihrem Rücken sitzen würde, und meinen Oberkörper vollständig aufrichten konnte.
Sie hatte wahrscheinlich immer noch diesen Moment mit dem betrunkenen Mann im Kopf. Und ihr war es vollkommen egal, dass ich ein anderer Mensch war. Ihr Körper kannte den Unterschied zwischen damals und heute zunächst nicht.
Nick hatte eine grandiose Idee.
Wir fuhren mit ihr hinauf zum Tolaga Bay Beach und würden dort unser Glück im Sattel probieren. Im Sand ist es für ein Pferd wesentlich schwieriger zu buckeln oder loszuspringen. Gleichzeitig gibt der weiche Untergrund uns etwas mehr Sicherheit.
Beim Aufsteigen war ich selbst richtig aufgeregt. Nicht weil ich Angst vor Royal hatte. Sondern weil ich genau wusste, wie viel für dieses Pferd an diesem einen Moment hing.
Würde sie es wirklich tolerieren, wenn ich auf ihrem Rücken saß?
Ich beobachtete sie genau und hörte ihr aufmerksam zu.
Das wurde für mich immer wichtiger:
Nicht zu fragen:
Wie bekomme ich das Pferd dazu, das zu tun, was ich möchte?
Sondern:
Was braucht das Pferd gerade von mir, damit es überhaupt verstehen kann, was ich von ihm möchte?
Diese beiden Fragen klingen ähnlich. Sie führen aber zu zwei völlig unterschiedlichen Arten von Pferdetraining.
Und dann passierte etwas, womit ich selbst nicht gerechnet hatte.
Obwohl sie so schlimme Erfahrungen gemacht hatte, blieb sie dieses Mal erstaunlich gelassen. Ich lehnte mich vorsichtig über ihren Rücken. Als ich mit meinem Oberkörper höher kam, beobachtete sie mich genau. Ihr Ohrenspiel war nach hinten gerichtet, doch ihre Anspannung ließ langsam nach. Ich streichelte sie am Hals und merkte, wie sie wieder tiefer atmete. Ich wartete und beobachtete und war einfach da für sie.
Zu meinem Glück – entschied sie sich nicht zu buckeln.
Nick und ich ritten mit ihr eine Weile am Strand im Sand. Die ersten Schritte fühlten sich noch leicht angespannt an, dann fing sie an, immer mehr loszulassen. Und plötzlich war da dieser Moment, in dem aus „Aushalten“ wieder Vertrauen wurde.
Später ritten wir gemeinsam vom Strand zurück zur Farm.
Wir waren ungefähr vier Stunden unterwegs. Auf dem Weg trafen wir immer wieder Einheimische, die uns nett grüßten. Einer von Ihnen schenkte uns sogar einen geräucherten Aal. Und obwohl ich irgendwann müde wurde, wollte ich nicht, das dieser Ritt jemals endete. Es war ein toller Erfolg für uns alle. Aber vor allem für Royal. Sie konnte jetzt wieder Vertrauen in einen Reiter auf ihrem Rücken fassen.
Nicht weil sie musste, sondern weil sie erlebt hatte, dass ein Mensch auf ihrem Rücken nicht zwangsläufig bedeutet, dass etwas Schlimmes passiert.
Manchmal besteht der größte Fortschritt im Training nicht darin, dass ein Pferd etwas Neues tut. Sondern darin, dass es etwas Altes nicht mehr tun muss.
Royal war für mich nicht einfach nur ein Pferd, das wieder geritten werden sollte. Sie wurde zu einer Erinnerung daran, dass hinter einem Verhalten oft eine Geschichte steckt, die wir vielleicht gar nicht sehen können.
Sie hatte mir gezeigt, wie mächtig alte Muster sind – und wie viel möglich wird, wenn wir aufhören, gegen sie anzukämpfen.
Denn ein Pferd trägt nicht nur seine Erfahrungen mit sich. Es trägt auch die Erwartungen dessen, was als Nächstes passieren wird. Und genau dort können wir ansetzen. Nicht indem wir das Alte einfach überschreiben.
Wenn wir beginnen, Pferde wirklich zu lesen und zu verstehen, verändert sich nicht nur das Pferd. Es verändert auch den Menschen.
Manchmal besteht der größte Fortschritt im Training nicht darin, dass ein Pferd etwas Neues tut. Sondern darin, dass es etwas Altes nicht mehr tun muss.
„Nuhaka Bay“ 20 Tage Leben am Limit..
Beachhouse – Outback & wilde Hengste, und trotzdem möchte ich keinen einzigen dieser Tage missen.
Die darauffolgenden Tage verbrachten wir damit einen Pferdeanhänger und zwei Autos zu packen. Es ging auf einen ganz besonderen Roadtrip, den ich so schnell nicht vergessen würde.
Wir machten uns auf den Weg nach: North Island - Nuhaka/Hawke Bay. Kleiner Fun Fact nebenbei: Strandhaus – Kein Wasser – Kein Strom – dafür 4 wilde Hengste.
Wenn man mir vorher erzählt hätte, dass ich einmal für drei Wochen in einem Strandhaus ohne Strom, ohne fließend Wasser und mit einer selbst geschaufelten Toilette im Outback 4 wilde Hengste einreiten würde, hätte ich wahrscheinlich gelacht...
Ca. 2 Stunden entfernt von Tolaga Bay kamen wir gegen Nachmittag in Nuhaka an. Ein kleiner Ort an der Hawke´s Bay, geprägt von Maori-Kultur, Landwirtschaft, Meer und sehr wenig von dem, was ich aus meinem bisherigen Leben kannte. Unser neues Zuhause, oder besser gesagt Überlebenscamp für die nächsten Wochen, war ein einfaches Beach House, eine alte Küchenzeile, ein Wohnzimmer mit einer durchgesessenen Couch, drei Schlafzimmer mit Matratzen auf dem Boden– und sonst nicht viel mehr. Vor allem leider kein Wasser und kein Strom.
Das mit dem Strom war zunächst noch ziemlich egal. Das mit dem Wasser war jedoch etwas Anderes, das mussten wir uns selbst organisieren. Zum Glück gab es auf einer benachbarten Farm eine natürliche Quelle, von der wir uns täglich Wasser holen durften. Für uns bedeutete das tägliches schleppen, fahren, nachfüllen und wieder schleppen.
Für uns 6 Erwachsene, die 4 Wildpferde & für unsere Hunde.
Irgendwann stellten wir fest, dass wir jeden Tag mindestens 200 Liter Wasser brauchten. So wurde mir immer bewusster, dass Wasser plötzlich einen ziemlich hohen Stellenwert in meinem Leben bekommen würde.
Unsere Freilufttoilette bauten wir kurzerhand selbst. Ein tiefes Loch im Boden, irgendwo auf der Wiese hinter einem Hügel. Ich erinnere mich an die Blasen, die wir vom Schaufeln bekamen. So romantisch der Blick auf Kühe und Schafe von unserer Freilufttoilette aus war, an den Geruch, der vom Müllplatz herüberzog, kann ich mich heute noch erinnern.
Und trotzdem war genau das der Moment, in dem mir wirklich klar wurde: Wir sind hier, mitten im Outback und waren nicht gekommen, um Urlaub zu machen. Wir waren gekommen, um 4 wilde Hengste einzureiten.
Vier wilde Pferde, Vier unterschiedliche Charaktere, vier ganz unterschiedliche Energietypen. Es war spannend für mich, vor allem, weil ich den ganzen Prozess des Pferdetrainings von Anfang bis Ende tagtäglich miterleben würde.
Einer der Hengste, den wir noch einfangen mussten, lief frei am Strand herum, dort wo er bis jetzt gelebt hatte. Er sollte zu den anderen drei Pferden kommen, die bereits in den Paddocks waren.
Ich hatte mit einer komplizierten Einfangaktion gerechnet.
Doch es wurde erstaunlich einfach.
Jeremy ein Freund von Nick, der uns mit den Wildpferden half, brachte eine seiner Stuten aus Tolaga Bay mit. Was uns das Einfangen deutlich erleichtern sollte. Mit der Stute und 2 Quads trieben wir den Hengst in die Paddocks – und plötzlich war auch er bei den Anderen.
Damit waren sie komplett. Vier wilde Hengste.
Drei von ihnen ungefähr 5-7 Jährig, dazu ein etwa 2-jähriger Youngster.
Nero war der Älteste. Ein imposanter Hengst, bei dem wir vermuteten, dass er der Vater der anderen war. Der zweitälteste, wunderschöne Hengst sah aus wie aus dem Film „Black Beauty“ und war von Anfang an super neugierig. Einem der Hengste gab Nick einen weniger freundlichen Namen, der zu dessen aufbrausendem Auftreten allerdings ganz gut passte. Und dann war da noch der kleine 2-jährige Nelson. Er war ausgestattet mit einem gesunden Selbstvertrauen und erschien mir uns gegenüber neugierig, aufgeschlossen und kontaktsuchend.
Ich hatte ziemlich wenig Ahnung davon, was uns genau erwartete.
Am nächsten Tag ging es los mit unseren vier wilden Hengsten. Nick und Jeremy starteten mit dem Roundpen Training und der Freiarbeit. Einiges davon kannte ich bereits von den Jungpferden in Tolaga Bay. Doch ich merkte schnell, dass wir es hier mit ausgewachsenen Wildpferden zu tun hatten. Die bereits einen gefestigten Charakter mit einer gesunden Ladung Selbstvertrauen mitbrachten.
Die Roundpen Arbeit bestand aus einem Zusammenspiel aus Körpersprache und Energie. Flüssigen Bewegungen, Richtungswechseln (Inside-Outside Turns) Gezieltem Anhalten und dem Einladen des Pferdes (dem Join up). Sie sollten aus sicherer Entfernung lernen, auf unsere Körpersprache zu reagieren, sowie sich an uns zu orientieren und mit uns zu kommunizieren.
Im nächsten Schritt folgte dasselbe Spiel, aber mit weniger Distanz zwischen Mensch und Pferd.
Eine der wichtigsten Vorbereitungen die mir in Erinnerung geblieben sind, war beispielsweise die Silhouettenarbeit. Das ist eine „Berührung“ auf Distanz, bevor Berührung am Fell möglich ist. Meine erste Lektion mit den Hengsten war, aus sicherer Entfernung, über Silouettenarbeit Kontakt zum Pferd herzustellen. Zuerst bewegte ich meine Hände entlang meiner eigenen Körperkontur und dann in Richtung des Pferdes. Ich versuchte die Körpersilhouette des Pferdes mit meiner Handbewegung nachzuzeichnen. Ich startete auf Höhe des Widerrists und führte meine Hand langsam entlang der Kontur des Körpers. Nach vorne über den Hals und Kopf, nach hinten über den Rücken und die Kruppe, weiter nach unten Richtung Bauch und Beine. Dabei blieb meine Hand zu Beginn immer auf Abstand zum Pferdekörper.
Für das Pferd entstand dadurch etwas ganz Besonderes: Es konnte meine Bewegung beobachten und gleichzeitig erleben, dass sich meine Hand genau an seiner Körperkontur entlangbewegte – fast so, als würde ich es streicheln, obwohl zwischen uns noch gar keine Berührung stattfand.
Für das Pferd entsteht dadurch etwas ganz Besonderes. Fast so, als würde ich es streicheln, obwohl zwischen uns noch gar keine Berührung stattfand
Bei einem Pferd, das menschliche Nähe noch nicht kennt, kann dieser kleine Unterschied viel ausmachen. Es muss nicht sofort den Kontakt am Fell aushalten oder zulassen. Es bekommt dadurch Zeit, meine Bewegungen zu verstehen, einzuordnen und sie mit seinem eigenen Körper in Verbindung zu bringen und selbst zu entscheiden, wie viel Nähe es möchte.
Leo, eine Wooferin aus Deutschland, mit der ich mich bereits angefreundet hatte war auch sehr Pferdebegeistert. Sobald die Pferde ready waren, begannen wir unter anderem mit den ersten Berührungs- und Desensibilisierungsübungen. So wie wir es zuvor in Tolaga Bay mit den Jungpferden gelernt hatten.
Wir merkten schnell:
Diese vier Pferde waren komplett unterschiedlich.
Aber Eines hatten sie jedoch gemeinsam, sie lernten unglaublich schnell. Sie beobachteten uns neugierig.
Probierten heraus zu finden was wir wollten.
Und reagierten unmittelbar und blitzschnell.
Sie verstanden sehr schnell immer besser, was wir von ihnen wollten.
Es war faszinierend, diesen Prozess vom ersten Tag an zu sehen. Schritt für Schritt aufs Neue, diese unglaublichen Entwicklungsschritte zu beobachten.
Gleichzeitig mussten wir uns jeden Tag wieder bewusst machen, dass diese Pferde nicht wirklich wussten, dass wir ihnen nichts Böses wollten.
Wir waren schließlich die Fremden hier.
Und wir hatten einen ziemlich ambitionierten Zeitplan.
So machten wir unsere Erfahrungen mit ihnen. Wenn etwas zu schnell zu nah kam, wich z.B. einer der Hengste „Black Beauty“, nicht deshalb zurück, weil er „nicht wollte“. Er wich zurück, weil die Distanz für ihn in diesem Moment nicht mehr stimmte. Weil sein Körper schneller reagierte, als unser Verstand überhaupt darüber nachdenken konnte.
Und gleichzeitig hatte ich die Gelegenheit zu beobachten, wie unterschiedlich die Pferde mit Druck/Lob/Signalen in bestimmten Situationen umgingen.
Der Eine war neugierig und wagte sich relativ schnell ein Stück näher. Ein Anderer blieb lange auf Abstand und beobachtete. Wieder ein Anderer reagierte sehr sensibel auf kleinste Veränderungen und brauchte deutlich länger, um eine Situation einzuordnen.
Es war faszinierend zu sehen, wie viel Persönlichkeit bereits in diesen ersten Begegnungen lag.
Und genau darin lag für mich eine der wertvollsten Erfahrungen dieser Zeit: Ich bekam die Möglichkeit, Pferde nicht nur über das zu betrachten, was sie gelernt hatten, sondern sehr unmittelbar über das, was sie von sich aus zeigten.
Ich bekam die Möglichkeit, Pferde nicht nur über das zu betrachten, was sie gelernt hatten, sondern sehr unmittelbar über das, was sie von sich aus zeigten.
Eine Rodeoshow mit Glück im Unglück .
Zwischen Mut, Wahnsinn und purem Adrenalin.
Ein paar Tage später bekam ich eine ziemlich eindrückliche Erinnerung daran, wie schnell aus einer scheinbar ruhigen Situation eine Gefährliche werden konnte.
Ich hatte mit einem der älteren Hengste gearbeitet. Unter anderem war meine Aufgabe, ihn über eine große, weiße Plane am Boden zu schicken, und zwar in liegenden 8ern vor mir. Er hatte die Lektion bereits super umgesetzt und verstanden. Danach stand er scheinbar völlig entspannt neben Nick und einem der anderen Pferde.
Als ich nach einer kleinen Pause, von schräg gegenüber einen Schritt auf ihn zumachte, drehte er sich um und trat.
Mit beiden Hinterbeinen.
Genau in meine Richtung.
Ich sah nur noch zwei Hinterhufe vor meinem Gesicht.
Viel zu nah. Für einen Moment war es ganz still.
Dann wusste ich: Das hätte gerade auch ganz anders ausgehen können. In diesem Schreckmoment hatte ich vor allem eines: Glück!!!
Denn es war kein richtiger Tritt gewesen, der in diesem Fall sehr wahrscheinlich mit einem Krankenhausaufenthalt geendet hätte.
Es war eine Warnung. Eine ziemlich deutliche.
Und ich war dankbar, dass er mich vorerst gewarnt hatte.
Diese Pferde waren weder bösartig, noch schwierig, sie waren auch keine Problempferde.
Sie waren einfach Pferde, die ihr bisheriges Leben ohne Menschen verbracht hatten. Und plötzlich standen wir vor ihnen und wollten innerhalb weniger Wochen Dinge von ihnen, die für sie komplett neu und fremd waren.
Berührung.
Kommunikation.
Führen.
Sattel.
Gewicht.
Reiten...
Wir hatten einen Zeitplan einzuhalten. Für ein wildes Pferd waren jedoch ein paar Wochen gar nichts. Und genau das mussten wir jeden Tag im Kopf behalten.
Wir redeten nach diesem Vorfall lange darüber und versuchten zu reflektierten, was die Ursache gewesen sein könnte und wie wir in Zukunft solch explosionsartige Reaktionen vermeiden konnten.
Hier erfuhr ich am eigenen Leib, wie wichtig es ist, in der Arbeit mit Pferden sich selbst zu reflektieren. Die Reflexionsarbeit und die vielen kleinen bewussten Pausen mit den Pferden im weiteren Prozess, haben mir wahrscheinlich viele Verletzungen und blaue Flecken erspart.
Und dann wurde es spannend:
Etwa am Tag 10 in Nuhaka Bay begannen wir, die Pferde anzureiten.
Davor verbrachten wir natürlich einige Stunden damit, die Vier an Equipment wie Sattel und Rope zu gewöhnen. Auch die Bodenarbeit in den Führpositionen sollte nicht zu kurz kommen. Nachdem es an der Aufstiegshilfe stressfrei verlief, hatte ich das große Vergnügen, gleich drei von ihnen als Erstes reiten zu dürfen.
Einer von ihnen fand die Idee offenbar nicht ganz so toll.
Und buckelte ausgiebig.
Für einen kurzen Moment fühlte es sich an wie eine private Rodeoshow. Zum Glück blieb ich oben.
Und während ich versuchte, möglichst souverän im Sattel auszusehen, war ich innerlich irgendwo zwischen: „Alles gut.“ und „Bitte, bitte bleib oben.“
Die gut Vorbereitung aus der Bodenarbeit machte sich jetzt bezahlt. Die Pferde hatten gelernt, uns zuzuhören. Und wir hatten gelernt, sie zu lesen.
Und genau das hat meinen Blick auf die Pferde im Wesentlichen verändert. Das Pferd in seiner Ursprünglichkeit kennenzulernen, frei von Erwartungen und menschlichen Vorstellungen.
In seinem Wesen. seiner Natur. Seiner Art zu sein.
Obwohl die Arbeit mit den Pferden so spannend war, begann ich ungefähr nach zwanzig Tagen Dinge zu vermissen, über die ich vorher nie nachgedacht hatte.
Fließendes Wasser.
Strom.
Eine ungestörte Toilette.
Eine warme Dusche.
Einen Lichtschalter.
Irgendwie hatten wir uns an das Leben hier gewöhnt, gleichzeitig träumten Leo und ich davon, irgendwann einfach wieder einen Wasserhahn aufdrehen zu können.
Eines Abends als wir schon im Bett lagen sagte Leo zu mir:
„Stell dir vor, du gehst ins Bad ans Waschbecken und drehst den Wasserhahn nach oben auf – und es kommt einfach Wasser raus.“
„Sofort.“
„Und soviel man will“.
„Unglaublich“ 😉
Wir lachten und fanden die Vorstellung irgendwie komisch und absurd, weil sie sich für uns in diesem Moment unglaublich luxuriös und unwirklich angefühlt hat. Mit jedem Tag merkten wir mehr, wie sehr wir uns nach all den kleinen Dingen sehnten, die zu Hause einfach selbstverständlich gewesen waren.
In dieser Nacht träumte ich davon, irgendwann mal wieder unter einer warmen Dusche stehen zu dürfen.
Glückwunsch!!!
Du gehörst jetzt zu den Ersten, die einen Teil meines Buches "Am Ende der Welt" gelesen haben 🙂
Wie geht´s weiter?
- Wenn Du mir Rückmeldung zur Leseprobe geben magst, kannst Du das gerne über das Kontaktformular auf meiner Website tun. Ich freue mich über Anregungen, Fragen und Feedback.
- Sobald es Neuigkeiten gibt zum e-Book, das Ende des Jahres erscheinen wird, gehörst Du natürlich zu den ersten die davon erfahren werden.
- Ab dem nächsten Jahr wird es den kostenlosen Horse Tribe Newsletter geben. Monatliche Pferdeinfos, Anreize für dich und dein Pferd und Trainingsvideos, Freu dich drauf.
Vielen Dank für dein Interesse und Vertrauen. Bis bald.
Janina.